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Frauen in der IT: AI-Gruppe liegt deutlich über dem Durchschnitt

Bochum. Die Zahl an Maßnahmen und Versuchen, Frauen für MINT-Berufe zu begeistern, ist kaum noch zu überblicken. Die Zahl der Erfolgsmeldungen ist dagegen oft überschaubar. Nicht so bei der AI-Gruppe aus Bochum. Obwohl der Kern des Unternehmens ein typisch männliches Klischee ist, liegt der Frauenanteil der Gruppe bei 40 Prozent: In Bochum-Riemke arbeiten unter anderem Softwareentwicklerinnen, Ingenieurinnen, und Physikerinnen.

Als sich Odin Holmes und Stephan Bökelmann zusammentaten, haben sie die Arbeit in Autowerkstätten verändert: Mit ihrem KFZ-Diagnosesystem haben sie Profis und Laien ein digitales Werkzeug an die Hand gegeben, um ihre Autos bequem am Computer zu optimieren. Software in Autowerkstätten - viel mehr männliches Klischee geht wirklich nicht.

In den zwei Jahrzehnten hat sich das Unternehmen gewandelt, heute ist die AI-Gruppe unter anderem einer der Marktführer für Sensoren im Industrie-4.0-Kontext. In den Laboren entwickeln die Teams Sensoren, die im Haus gelötet werden und mit Software bespielt, die auch vor Ort entwickelt wird. Eine Aufgabe, die viele Frauen anlockt – vom Management, wie CCD-Geschäftsführerin Jelena Oblogina, bis zur Praktikantin arbeiten derzeit elf Frauen bei der AI-Gruppe. Gesteuert wird die Gleichberechtigung vom Unternehmen nicht. „Wir haben nie auf eine Quote geachtet. Wir stellen einfach die Besten ein”, sagt COO Stephan Bökelmann. 

Elektrotechnik statt BWL

Eine von den Besten ist Hardwareentwicklerin Marie Olbrich. Sie ist unter anderem für die Koordination von Prozessabläufen und Prototypenentwicklung zuständig. „Eigentlich wollte ich nach meinem Abitur ein duales BWL-Studium beginnen”, erzählt sie. Ihr heutiger Chef Stephan Bökelmann hat sie dann mit seiner Begeisterung und einem Praktikum von einem Studium der Elektro- und Informationstechnik überzeugt. „Ich finde die Kombination aus handwerklicher Arbeit wie Löten und ‘Computer-Arbeit’ wie Programmierung unglaublich spannend”, sagt Marie Olbrich. „Seitdem ich das erste Mal ein bisschen Elektrotechnik gemacht habe, war mir klar, dass ich mit BWL niemals glücklich geworden wäre”, sagt sie rückblickend.

“Spezielle Förderprogramme gibt es bei uns nicht”

Warum sein Unternehmen außergewöhnlich viele Frauen in MINT-Berufe und ins Ruhrgebiet lockt, weiß Stephan Bökelmann nicht. „Wir haben keine speziellen Förderprogramme”, sagt er. Nicht einmal Aktionen wie der Girls’ Day oder Mentoringprogramme spielen bis dato eine Rolle in dem Unternehmen. „Wir machen, was wir für richtig halten”, sagt Bökelmann. 

Gemeinschaftliche Unternehmenskultur fördert Zusammenarbeit

Tabea hat in den fünf Jahren bei der AI-Gruppe zahlreiche Stationen von der Praktikantin zur Werkstudentin zur Ingenieurin durchlaufen. Sie hat in der Produktion Löten gelernt, heute entwickelt sie Software, um physikalisch-theoretische Berechnungen für Sensorik in den unterschiedlichsten Anwendungsgebieten zu ermöglichen.

„Wir haben eine unvergleichlich gemeinschaftliche Unternehmenskultur, die nach außen kompetitiv, aber nach innen fordernd und fördernd ist”, sagt Physikerin und Ingenieurin Tabea Röthemeyer, die seit fünf Jahren in der Entwicklungsabteilung der AI-Gruppe arbeitet. Sie schätzt den fachlichen Austausch, der immer auf Augenhöhe geschieht. „Wenn wir diskutieren, geht es nur um die Sache und das Wissen, nicht um Rollen innerhalb des Unternehmens”, sagt Tabea Röthemeyer.

Managerin der Bauteile: Ohne Zeynep Daskin läuft nichts

Ohne Zeynep Daskin würde bei der AI-Gruppe nichts Laufen: Sie ist zuständig für alles, was mit Bauteilen zu tun hat. Neben der Führung des Materiallagers ist sie die Detektivin der AI-Gruppe. Sobald es Lieferschwierigkeiten gibt, etwa durch Corona oder den Unfall im Suezkanal, schlägt die Stunde von Zeynep Daskin: „Wenn ein Bauteil nicht mehr lieferbar ist, finde ich neue Bezugsquellen oder Alternativen, um unsere Produktion nicht zu unterbrechen.” So garantiert sie, dass das Bochumer Unternehmen große Predictive-Maintenance-Projekte, etwa für die Deutsche Bahn, umsetzen kann.

Auch der Nachwuchsförderung hat sich die AI-Gruppe verschrieben: Sandra Breuer absolviert gerade ihr letztes Pflichtpraktikum vor dem Bachelor-Mechatronik an der Hochschule Niederrhein. Während ihres Praktikums in Bochum baut sie das erste smarte Gewächshaus der Region, in dem demnächst Tomaten ohne menschliche Hilfe wachsen werden Sensoren analysieren den Boden, die Luft und noch einiges mehr, Motoren steuern Fenster und die automatische Bewässerung. „Ich mochte schon immer Pflanzen und die Natur. Bloß einen grünen Daumen hatte ich nie. Deswegen hilft mir jetzt die Technik”, sagt Sandra Breuer. Mit ihrem Studium macht sie übrigens hier Hobby zum Beruf: Konstruktion, 3D Druck, Programmieren und Elektronik gehören für sie zum Alltag. 

Gleichberechtigung ist Unternehmenskultur

Stephan Bökelmann und Odin Holmes glauben nicht daran, dass eine höhere Frauenquote in MINT-Berufen allein durch Projekte, Maßnahmen und Aktionen ermöglicht wird. „Am Ende geht es immer um Unternehmenskultur”, sagt Stephan Bökelmann. Werte in der AI-Gruppe sind:

  • Respekt bekommt, wer ihn sich verdient - egal ob Mann oder Frau
  • Offene Diskussionskultur
  • Vertrauen in das Können des Gegenübers

Und es ist nicht nur daher gesagt: „Wir wollen die Besten für unsere Jobs”, unterstreicht Stephan Bökelmann. Geschlecht, Alter, Herkunft sind da nur sekundäre Merkmale.

Home Office und flexible Arbeitszeiten sind selbstverständlich

Weiche Unternehmensfaktoren wie flexible Arbeitszeiten und Home Office sind selbstverständlich und laufen nicht nur unter dem Schlagwort „Vereinbarkeit Familie und Beruf”, um Frauen anzulocken. “Ehrlich gesagt ist es gerade sogar nur unser Pressesprecher, der Beruf und kleine Kinder unter einen Hut bekommen muss und hier kann”, sagt Bökelmann. 

Animieren wir junge Leute für unsere Arbeit und Forschung

Viel wichtiger als diese weiche Unternehmensfaktoren ist es, die Begeisterung für Elektrotechnik zu entfachen, sagt Stephan Bökelmann. Als Dozent an der Technischen Hochschule Georg Agricola und ehrenamtlicher Ausbildungsprüfer der IHK Mittleres Ruhrgebiet, freut er sich über technisch interessierte und begeisterungsfähige junge Menschen, die er auf ihrem Weg begleiten darf: „Animieren wir mehr junge Leute für unsere Arbeit und Forschung. Ohne große Aktionen, sondern einem Praktikum, das wirklich Sinn ergibt. Mit echten Vorbildern in den Unternehmen und Perspektiven nach Schule und Ausbildung.”

Vier Ingenieurinnen der AI-Gruppen stehen und sitzen an einem Arbeitsplatz in einem Labor in Bochum.
Vier von 11: Sandra, Zeynep, Marie und Tabea arbeiten bei der AI-Gruppe. Foto: AI-Gruppe